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Die Stille-Nacht-Orte in Tirol

14. März 2018

Über einen Tiroler Orgelbauer gelangte das Weihnachtslied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ von Oberndorf bei Salzburg nach Fügen im Zillertal. Und von Tirol aus eroberte es die ganze Welt: Die Geschwister Strasser aus Hippach und die Rainer Sänger machten als Tiroler Natur- und Nationalsänger das Lied in Europa, Russland und den USA bekannt. Gemeinsam mit der Region Achensee bilden Fügen und Hippach die drei Stille-Nacht-Orte in Tirol.

Das ursprünglich zu Salzburg gehörige Zillertaler kam erst 1816 zu Tirol: Viele Bauern waren schon ab dem 18. Jahrhundert während der Wintermonate, in denen die Almen verschneit waren und die Landwirtschaft ruhte, als Vieh- oder Warenhändler in ganz Europa unterwegs. Sie verdienten sich ihr Zubrot durch den Verkauf der in Heimarbeit gefertigten Erzeugnisse auf Messen und Märkten. Das Singen von heimatlichen Volksliedern sollte zunächst nur die Aufmerksamkeit steigern. Doch die Tiroler ernteten so viel Anerkennung und Bewunderung, dass sich immer mehr musikalische Familien und Gruppen als „Tiroler Nationalsänger“ zusammentaten. Bald war das Singen lukrativer als der Handel: Der Ruf der Tiroler eilte ihnen bis an die europäischen Fürsten- und Königshöfe voraus. Unter ihnen waren auch die Sängerfamilien Rainer aus Fügen und die Familie Strasser aus Hippach, die das Lied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ in ihrem Repertoire hatten.

 

Fügen: Heimat von Orgelbauer Carl Mauracher und der Ur-Rainer-Sänger

Aus Fügen stammte der Orgelbauer Carl Mauracher, der aus Oberndorf den Auftrag erhielt, die Orgel der St. Nikola-Kirche zu reparieren. Hier lernte er auch Franz Xaver Gruber und das Lied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ kennen und brachte es mit in seine Heimat.

Fügen war auch die Heimat der Geschwister Rainer, die als Mitbegründer der Tiroler Natur- und Nationalsängertradition gelten. Ein Schlüsselereignis für deren grandiosen Erfolg war ein kleines Hauskonzert, das die Rainers 1822 gaben: In diesem Jahr empfing der k.u.k. Major und Kämmerer Graf Ludwig von Dönhoff (1769–1838) auf Schloss Fügen Kaiser Franz I. von Österreich und Zar Alexander I. von Russland: Um die Gäste zu unterhalten, wurde für einen Abend ein Auftritt der Geschwister Maria, Felix, Franz und Joseph Rainer organisiert. Die prominenten Gäste waren von deren Gesang und Darbietung derart begeistert, dass der Zar sogar eine Einladung nach Russland aussprach. Fortan begaben sich die Geschwister – später bekannt als Ur-Rainer – auf Konzertreise. Auf Empfehlung traten sie von 1824 bis 1839 in zahlreichen Städten Europas und an den edelsten Fürstenhöfen, unter anderem auch vor dem englischen König Georg IV., auf. Heute ist Fügen mit über 4.000 Einwohnern die größte Gemeinde im Zillertal.

„Stille Nacht! Heilige Nacht!“ heute hier erleben:

–        Am Friedhof der Pfarrkirche in Fügen findet man ein Denkmal der Ur-Rainer-Sänger und die Grabstätte der Familie Dönhoff ebenso wie die Grabtafel von Carl Mauracher. Eine Gedenktafel erinnert an den Besuch von Zar Alexander I. von Russland und Kaiser Franz I. von Österreich in Fügen.

–        Im Heimatmuseum in der Widumspfiste ist dem Lied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ ein eigener Bereich gewidmet: Hier findet sich die weltweit größte bekannte Stille-Nacht-Schallplattensammlung. Zahlreiche Platten können angehört werden. Außerdem erfährt der Besucher spannende Details über die Tiroler Nationalsänger aus dem Zillertal und den Orgelbauer Carl Mauracher, über altes Handwerk und den Bergbau in Fügen. Zu sehen ist außerdem eine Volkszither aus dem 19. Jahrhundert: Die Zither hatte sich mit den Nationalsängern neben der Gitarre zum prototypischen alpenländischen Instrument entwickelt.

–       Die Kultureinrichtung SteudlTENN führt zu mehreren Terminen ein Adventstück mit Liedern und Geschichten rund um die Stille Nacht auf. Ein musikalischer Theaterabend mit noch nie gehörten Fassungen von und um „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ erwartet die Besucher.

 

Hippach: Wohnort der Sängerfamilie und Geschwister Strasser

Aus dem Ortsteil Laimach der kleinen Gemeinde Hippach im Zillertal stammte die Familie Strasser mit den vier Geschwistern Anna, Joseph, Amalia und Karolina. An Weihnachten 1831 hatte die Bauersfamilie aus dem Zillertal ihren Stand am Leipziger Weihnachtsmarkt, wo sie neben dem Verkauf von Waren auch Weihnachtslieder aus ihrer Heimat darbot, darunter „Stille Nacht! Heilige Nacht!“. Die Begeisterung war so groß, dass sie im Jänner 1832 zu einem Konzert ins Leipziger Gewandhaus gebeten wurden. Weihnachten 1832 folgte ein weiteres Konzert in Leipzig. Zwischen 1832 und 1834 veröffentlichte der Verleger A. R. Friese aus Dresden eine Sammlung von echten Tiroler Weihnachtsliedern, darunter „Stille Nacht! Heilige Nacht!“. Aufgrund ihrer Erfolge in Leipzig widmeten sich die Strassers fortan ausschließlich dem Gesang und zogen als reisende Sängergruppe, von ihren Verehrern liebevoll „Lerchen vom Zillertal“ genannt, durch Deutschland. 1835 wurde die Gruppe aufgelöst.

„Stille Nacht! Heilige Nacht!“ heute hier erleben:

–        Das Geburtshaus der Geschwister Strasser stammt aus dem 18. Jahrhundert und ist ein völlig aus Holz erbautes Zillertaler Bauernhaus mit rauchgeschwärzten Holzbalken, einer alten Stube mit Walzenofen, Butzenscheiben und Türbeschlägen. Das denkmalgeschützte „Strasser Häusl“ ist heute ein Museum und erzählt über das karge Leben der Zillertaler Bauern von einst, die das Lied „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ in die Welt getragen haben.

 

Region Achensee: Wohnort der schillernden Persönlichkeit Ludwig Rainer

Ludwig Rainer (1821 – 1893), ein Sohn Maria Rainers (aus der Gruppe der Ur-Rainer), gründete 1838 das Rainer-Quartett und legte damit den Grundstein für die zweite Generation der Rainersänger: Mit nur 18 Jahren reiste er gemeinsam mit Helene Rainer, Simon Holaus und Margareta Sprenger nach Amerika und absolvierte dort eine mehrjährige „Tournee“ als viel beachtete „Rainer Family“: Am Weihnachtsabend 1839 erklang „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ zum ersten Mal öffentlich in der Neuen Welt, an der Trinity Church an der New Yorker Wall Street. Nach ihrer Rückkehr 1843 gründete Ludwig Rainer 1851 die „Rainer Gesellschaft“ mit mehreren Formationen und Gruppen, die an nahezu allen Herrscherhäusern Europas auftraten. So auch am Zarenhof in Moskau und Petersburg, wo sie über zehn Jahre lang verweilten. „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ war immer Teil des Repertoires. Als Ludwig Rainer 1868 nach Tirol zurückkehrte, ließ er das Hotel Seehof in Achenkirch am Achensee errichten, das 1870 eröffnet wurde. Das elegante und noble Haus zog – mit allem Komfort ausgestattet – Gäste aus aller Welt an und war auch Ludwig Rainers neue Heimat. Am 15. Mai 1893 verstarb Ludwig Rainer überraschend. Das Hotel wechselte im Laufe der folgenden Jahrzehnte mehrmals seine Besitzer und wurde nach der Jahrtausendwende infolge eines Großbrandes abgetragen.

„Stille Nacht! Heilige Nacht!“ heute hier erleben:

–        Ludwig Rainer, berühmter Spross der Rainersänger, Botschafter von „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ und einer der ersten „Musikproduzenten“ fand seine letzte Ruhestätte am Friedhof in Achenkirch. Auf seinem Grabstein liest man den Spruch: „Ausgelitten, ausgerungen, viel gereist und viel gesungen.“

–        Die Seehofkapelle mit Altar im neugotischen Stil am Achensee wurde auf Veranlassung von Ludwig Rainer erbaut und kann heute noch besucht werden.

–        Der „Sixenhof“, das Heimatmuseum Achental, vermittelt Besuchern gute Einblicke in die Lebens- und Arbeitswelt der vergangenen Jahrhunderte am Achensee. Unter den Exponaten findet sich seit vielen Jahren die originale Gewandtruhe von Ludwig Rainer. Ab November 2018 widmet sich eine neue Ausstellung dem berühmten Nationalsänger Ludwig Rainer und der internationalen Verbreitung des Liedes „Stille Nacht! Heilige Nacht!“