Der Riese Samson – Held und Kulturgut

Regionales Kulturgut seit 300 Jahren

Wenn er aufmarschiert, dann sind alle Augen auf ihn gerichtet: Der bis zu 6,5 Meter große, biblische Riese verfügt nicht nur über eine beeindruckende Kraftsymbolik, er ist auch Identifikationsmerkmal einer ganzen Region. Unter dem schweren, hölzernen Gestell steckt seit jeher ein einziger, starker Mann. Die nachvollziehbare Geschichte des Samsontragens im Salzburger Lungau beginnt 1720 in Tamsweg, womit der Tamsweger Samson nachweislich 300 Jahre alt und somit der älteste der regionaltypischen Riesen ist. Historiker Dr. Klaus Heitzmann, Obmann des Lungauer Heimatmuseums Tamsweg, erläutert die Hintergründe dieses besonderen Brauchtums und einer einzigartigen Figur.

PresseSalzburger Bauernherbst

Der Samson aus Tamsweg ist der „Urvater“ aller Umzugsriesen im Lungau. Was ist der Nachweis für seine – mindestens – 300 Jahre alte Existenz?
Die erste Erwähnung ist eine Wirtshausrechnung der Fronleichnamsbruderschaft aus dem Jahr 1720. Damals wurde dem Samsonträger bei der Prozession Essen und Trinken bezahlt. Das ist unsere einzige Quelle.

Warum ist der Brauch ausgerechnet und ausschließlich im Salzburger Lungau entstanden?
Das Brauchtum steht in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Wirken der Kapuziner im Lungau. Diese haben über viele Jahrhunderte den Lungau geprägt: zunächst als Bettelorden, ab 1644 als Mönche im Kloster Tamsweg. Der Samson ist ein Barockphänomen ebenso wie das Prangstangentragen: Das Samontragen war ursprünglich Teil der Prozession an hohen katholischen Feiertagen, bei denen auf Schauwägen biblische Darstellungen für die Öffentlichkeit zelebriert wurden.

Mit dem Begriff Samson wird unmittelbar die Legende des Kampfes gegen die Philister bei Lehi erwähnt. Ist diese Information wirklich die entscheidende, wenn es darum geht, den Samson-Brauch zu erklären?
Ja natürlich. Die Samson-Figur hält eine Eselskinnbacke (Anm.: Unterkieferknochen eines Esels, der als Waffe diente) in der Hand. (*) Mit dieser soll der biblische Samson tausend Philister erschlagen haben. Auch die langen Haare sind als Symbol der Kraft unserer Riesen zu verstehen.

Im Zuge der Aufklärung wurde das Samsontragen verboten, konnte aber dank des Traditionsbewusstseins der Bevölkerung nicht ausgelöscht werden. Wie ist dieses Auf und Ab historisch zu erklären?
In den letzten beiden Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts beeinflusste die Aufklärung auch den Salzburger Erzbischof Hieronymus Colloredo. Der geistlichen Obrigkeit war es zunehmend ein Dorn im Auge, dass der Prunk bei den Prozessionen immer mehr die Kernbotschaften des Evangeliums überlagerte. Das vernunftorientierte Denken sollte Einzug halten. Viele für die Einheimischen wichtige Traditionen wurden aus diesem Grund verboten, etwa das öffentliche Aufstellen von Weihnachtskrippen oder auch das Samsontragen. Der Brauch versinnbildlichte für die Obrigkeit rückständiges Denken, doch für die Einheimischen stand das Traditionsbewusstsein im Vordergrund. Sie ließen sich den Brauch nicht ganz nehmen und verlagerten den Samsonumzug auf die Nachmittage nach den Prozessionen.

Es gibt zehn Samsonfiguren im Lungau und zwei in der Steiermark. Wie ist dieser Zusammenhang zu verstehen?
In Murau gab es auch ein Kapuzinerkloster. Dies wird wohl ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass 1745 ein Samson von Tamsweg nach Murau verkauft wurde. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Samson bereits in sieben Gemeinden des Lungaus und der Steiermark getragen. Spätere Ursprünge des Samsonbrauchs haben weit profanere Gründe: So wurde beispielsweise anlässlich von Hochzeiten oder des für den Lungau typischen Ladübertragens bei der Wahl eines neuen Bürgermeisters (**) ein neuer Samson gebaut. Der Unternberger Samson entstand überhaupt nur aus einem Lausbubenstreich im Jahr 1900.

Warum werden einige der Samsonfiguren von Zwergen begleitet und was ist der Sinn dahinter?
Den Zwergen werden verschiedene Deutungen zugestanden, am auffälligsten ist der Größenunterschied und damit das Gegensatzpaar Riese und Zwerg. Letztendlich dienen sie dazu, um mit ihren Späßen die Menschenmenge auf Distanz zu halten und so für Sicherheit zu sorgen.

Wie sind die Fakten des inneralpinen Umzugsriesen zusammenzufassen?
Bis zu 6,5 Meter hoch, 65 bis 105 Kilogramm schwer, gefertigt aus Holz, mit Markenzeichen der langen Haare sowie der Eselkinnbacke, beides Kraftsymbole. Der Samson wird von einem Samsonträger getragen und von vier „Aufhabern“ flankiert. Einige der Riesen werden von zwei Zwergen begleitet, so auch der jubilierende Tamsweger Samson. In den letzten Jahrzehnten wurde es üblich, dass eigene Samsongruppen mit viel Engagement die Weiterführung des Brauchtums organisieren.

(*)“Der Ort Lehi kommt im Alten Testament nur innerhalb der Simson-Erzählung vor. Nach der blutigen Rache an den Philistern, die seine Frau mitsamt Schwiegervater verbrannt haben, zieht sich Simson in die Felsspalte Etam zurück. (…) In Lehi lösen sich die Fesseln Simsons und er erschlägt mit einem Eselskinnbacken 1.000 Philister.“ (Quelle: bibelwissenschaft.de)

(**) Das Ladübertragen ist ein uralter Lungauer Brauch, der bis heute in der Gemeinde Ramingstein hochgehalten wird. Sobald ein neuer Bürgermeister gewählt ist, wird eine Truhe, gemeinhin auch als „Lade“ genannt, vom alten zum neuen Bürgermeister übertragen.

Tipp

Salzburger Bauernherbst – Offizielle Eröffnung
Der Salzburger Bauernherbst wird am Samstag, 20. August 2022 in Tamsweg in der Ferienregion Salzburger Lungau offiziell eröffnet. Besucher erwartet an diesem Tag ein abwechslungsreiches Programm mit einem großen Festumzug mit zahlreichen schön geschmückten Festwägen, dem Riesen Samson, Volkstanzvorführungen sowie traditionelle Handwerksvorführungen. www.bauernherbst.com , www.tourismuslungau.at 

Riese Samson feiert sein 300-Jahr-Jubiläum
Die seltene Gelegenheit, die gesammelte Samson-Pracht zu bestaunen: Am Sonntag, den 21. August 2022 findet in Tamsweg der große Festakt anlässlich des 300-jährigen Bestandsjubiläums des Tamsweger Samson mit Festumzug und großem Samsontanz aller zwölf Samsone statt. www.tourismuslungau.at

Titelbild: © Ferienregion Lungau


8. August 2022
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