Österreich am Eingang ins 19. Jahrhundert

Neue Grenzziehungen und Naturkatastrophen prägen Europa um 1800

Europa am Eingang des 19. Jahrhunderts: Politische Umwälzungen und wirtschaftliche Not erschüttern das Fürsterzbistum Salzburg, die Habsburgermonarchie und Bayern. Entmachtet, geplündert, durch Brände und Missernten verwüstet und entvölkert: Nach den Napoleonischen Kriegen sind ganze Landstriche und Täler buchstäblich am Boden zerstört. Politische Krisen gehen einher mit Naturkatastrophen, Ernteausfällen und Hungersnöten: Vor diesem Hintergrund verfasst Joseph Mohr 1816 im Salzburger Lungau das Gedicht „Stille Nacht! Heilige Nacht!“. An Weihnachten 1818 gibt er den Text an Franz Xaver Gruber weiter, der das Gedicht vertont. Damit entsteht eine hoffnungs- und trostspendende Weihnachtsbotschaft für die traumatisierten und hungernden Bürger von Oberndorf.

Advent / Stille NachtPresse

Heute sind die Grenzen klar gezogen: Die „Stille Nacht“-Orte befinden sich in den österreichischen Bundesländern Salzburg, Tirol und Oberösterreich. Doch das war nicht immer so. Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis 1816 befand sich Europa durch Napoleons Eroberungs- und Revolutionsfeldzüge im Kriegszustand.

Salzburg, Tirol und Oberösterreich im Zeichen der Franzosenkriege
Salzburg ist von der politischen Neuordnung besonders betroffen: Jahrhundertelang ein unabhängiges, geistliches und wohlhabendes Fürsterzbistum unter der Herrschaft der Fürsterzbischöfe von Salzburg, wird das Land 1800 von den Franzosen besetzt und 1803 säkularisiert. Es geht zunächst als weltliches Kurfürstentum Salzburg an den Habsburger Ferdinand III., ab 1805 nach neuerlicher Besetzung durch die Franzosen unter mehrmaligen Gebietsabtrennungen an Bayern und letztlich an die Habsburgermonarchie.

Tirol, als gefürstete Grafschaft jahrhundertelang ein relativ selbständiger Teil des österreichischen Kaisertums, wird ebenfalls von den Franzosen besetzt und 1805 Teil des mit Napoleon verbündeten Königreichs Bayern. Legendär und blutig niedergeschlagen: Der Tiroler Volksaufstand 1809 gegen die Franzosen und ihre Verbündeten. Erst 1814 kommt der bayerische Teil von Tirol an Österreich zurück.

Auch Oberösterreich ist infolge der Koalitionskriege jahrelang Kriegsschauplatz. Nachdem das Innviertel jahrhundertelang Teil des Herzogtums Bayern war, fällt es erst infolge des Bayerischen Erbfolgekrieges und mit dem Frieden von Teschen 1779 an Österreich. 1814 wird unter den Kriegsparteien die Rückgabe des Innviertels und des westlichen Hausruckviertels an Österreich vereinbart, die Übergabe zieht sich allerdings bis 1816 hin.

Landauf landab eine bittere Kriegsbilanz
Der Wiener Kongress 1814/1815 besiegelt das Ende der napoleonischen Ära. Salzburg fällt am 1. Mai 1816 mit dem Vertrag von München endgültig an Österreich. Allerdings nicht als eigenständiger Teil des Habsburgerreichs, sondern als Landkreis des Erzherzogtums „Österreich ob der Enns“ mit Verwaltungssitz in Linz. Ein Zustand, der bis 1850 andauert.
Die jahrhundertelang salzburgischen Täler Zillertal und Brixental gehören fortan zu Tirol. Der Landesname Salzburg verschwindet von der Landkarte. Die einst so prächtige Residenzstadt verkommt zur unbedeutenden Kreisstadt. Die Beamten verlassen die Stadt, die Bevölkerungszahl sinkt von 16.000 auf 12.000 Menschen.
Tirol und Oberösterreich bleiben zwar von Gebietsverlusten verschont. Doch auch hier hinterlässt der Krieg mit seinen Begleiterscheinungen wie Plünderungen, Zwangseinquartierungen und Reparationszahlungen allenthalben nichts als Not.

Auf den Krieg folgt das verheerende „Jahr ohne Sommer“
1816 wird die österreichische Bevölkerung Opfer einer Naturkatastrophe nie gekannten Ausmaßes. Ein gigantischer Vulkanausbruch im April 1815 auf einer kleinen indonesischen Insel löst ein Jahr später in ganz Kontinentaleuropa eine dramatische Klimaveränderung aus. Die Temperaturen sinken, die Ernte verkommt in nimmer endendem Regen und sommerlichem Schneefall. Vor allem die Bauern in Salzburg, Tirol und Oberösterreich gehören zu den Leidtragenden. Angesichts von Missernten und Hungersnöten sprechen sie von einer „Strafe Gottes“ und versinken in Hoffnungslosigkeit und Apathie. Das Jahr 1816 geht als das „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein.

Die Menschen hungern und suchen nach neuen Verdienstmöglichkeiten
Damit nicht genug: 1818 vernichtet ein verheerender Brand in der Stadt Salzburg 93 Stadthäuser, worauf mehr als 1.000 Menschen ihr Hab und Gut verlieren. Als fast verzweifelt ist die Lage auf dem Land zu nennen: Die Bauern in Oberösterreich, die sich wie Franz Xaver Grubers Familie mit dem Heim-Handwerk des Webens ein notwendiges Zubrot verdienen, verlieren durch die Erfindung des mechanischen Webstuhls 1786 nach und nach dieses Standbein. Im kargen, schon seit dem 16. Jahrhundert überbevölkerten Gebirgsland Tirol müssen noch mehr Bauern als Wanderhändler losziehen, ihre Kinder nach Deutschland und in die Schweiz in Dienst schicken oder ganz auswandern.

„Stille Nacht! Heilige Nacht!“ ist ein Trostlied für eine traumatisierte Bevölkerung
Der Oberösterreicher Franz Xaver Gruber, seines Zeichens Lehrer in Arnsdorf, und der Salzburger Hilfspriester von Oberndorf, Joseph Mohr, selbst in einfachsten Verhältnissen aufgewachsen, erleben die Not unmittelbar. Doch beide kennen von klein auf die Musik als Balsam für die Seele.
Naheliegend, dass Priester und Lehrer die niedergeschlagenen Gläubigen in Oberndorf zu Weihnachten 1818 mit einer musikalischen Botschaft der göttlichen Liebe und Rettung aufrichten wollten. Naheliegend auch der Tiroler Weg, der das tröstliche Lied in die Welt geführt hat: Wie viele andere waren auch die Zillertaler Bauernfamilien Strasser und Rainer als Warenhändler in Europa unterwegs, um sich während der Wintermonate ein Zubrot zu verdienen. Neben dem Verkauf von handgefertigten Waren sangen die hochmusikalischen Familien Lieder aus der Heimat: So machten sie auf ihren Reisen durch Deutschland, Europa und bis in die USA das Weihnachtslied noch im 19. Jahrhundert populär.


9. Oktober 2018

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